Claes & Flentje (Spezialnähmaschinenfabrik)

                Claes & Flentje              

VEB Spezialnähmaschinenwerk Mühlhausen

Firmengeschichte

         die Firmengründer           

1869 wurde Claes & Flentje von Franz Theodor Flentje und Ernst Bernhard Claes gegründet. Die beiden Gründer stellten Nähmaschinen nach dem Wheeler & Wilson System her. Wenig später nahmen sie die Fertigung von Strickmaschinen auf. Seit 1889 wurden Fahrräder der Marke 'Pfeil' produziert. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch mit Hilfsmotor. Um 1900 hatte das Unternehmen mehr als 1000 Mitarbeiter.

Verwaltungsgebäude der Firma Claes & Flentje (Waidstraße/Friedrichstraße) um 1900

 

Neben Strickmaschinen und Fahrrädern entwickelten die Ingenieure der Firma einen LKW, der 1904 vorgestellt wurde. Wie viele Exemplare gebaut wurden ist unbekannt und eine Serienreife eher unwahrscheinlich. Das hätten die Zeitungen damals sicher mit großer Schlagzeile verbreitet und Mühlhausen wäre Autostadt geworden.

1904 - LKW von Claes & Flentje


1909 - 25 jähriges Betriebsjubiläum

Am 02. August 1909 starb Ernst Bernhard Claes. In eine GmbH umgewandelt werden ab dem 27. August 1909 die Töchter von Ernst Bernhard Claes Geschäftsführer.

Der Erste Weltkrieg und seine Auswirkungen hatte gravierende Folgen für das Unternehmen: 1926 musste die Produktion von Nähmaschinen, 1928 die Fertigung von Fahrrädern eingestellt werden. Zum Dezember 1930 übernahm die Stadt Mühlhausen eine Kreditbürgschaft und 1931 wurde Karl Arnold neuer Betriebsdirektor. Trotzdem meldete die Firma im November 1932 Konkurs an. Eine Auffanggesellschaft wurde gegründet, die am 08. Mai 1933 in die Nachfolgegesellschaft Claes & Co. GmbH überführt wurde. Karl Arnold war der Geschäftsführer. Das Unternehmen stellte wieder Näh- und Strickmaschinen her.

Belegschaft der Claes & Co. GmbH im Jahr 1935

1937 erfolgte eine erneute Umwandlung des Unternehmens in die Personengesellschaft Claes & Co. KG und 1938 der Verkauf an das Deutsche Reich. Im selben Jahr wurde die Firmenzentrale in der Friedrichstraße 4 zum Heeresversorgungsamt. Während des 2. Weltkrieges ging die Mitarbeiterzahl auf etwa 60 zurück. 

Es folgte eine 3-monatige Betriebsschließung nach Kriegsende. Die Belegschaftszahl stieg nach dem Krieg wieder auf 184 an. Es wurden bis 1947 vorwiegend Strick- und Nähmaschinen als Reparationsleistung für die Sowjetunion hergestellt, aber auch Gebrauchsgegenstände wie Kartoffelquetschen oder Wohnraumleuchten. Ein Abbau der Maschinen, der im März 1946 als Reparationsleistung begonnen wurde, konnte im November 1946 durch Direktor Arnold gestoppt werden.


Im April 1960 beteiligte sich die DDR mit 323.000,00 Mark an der Firma und wurde damit Gesellschafter. 1961 wurde die Produktion von Strickmaschinen eingestellt. Kurt Arnold blieb bis zum 01. Januar 1965 Direktor, schied aus der Firma aus und starb am 30. November 1965. Bis 1967 wurde das Unternehmen von Herrn Müller und Herrn Gerlach geführt. Sie wurden im Januar 1967 von Wolfgang Jung abgelöst.


1972 wurde Claes & Flentje verstaatlicht und in VEB Spezialnähmaschinenwerk Mühlhausen umbenannt. Es gehörte zum Kombinat Textima Karl-Marx-Stadt. Die seit 1991 versuchte Reprivatisierung der Alteigentümer scheiterte 1994.

Näh- und Spezialnähmaschinen von Claes(Spezialnähmaschinenwerk) im Laufe des 20. Jahrhunderts

Am 20. Dezember 1994 wurde die Cl Maschinenbau GmbH gegründet. Aus der Konkursmasse der Claes GmbH wurden von 3 ehemaligen Mitarbeitern Maschinen, Lizenzen, Konzessionen und Schutzrechte sowie das Markenzeichen Claes gekauft. Der Firmensitz wurde 1996 verlegt. Unterlagen und Dokumente zur Geschichte von Claes & Flentje sind in der CL Maschinenbau GmbH vorhanden.

Die Geschichte der Claes-Villa am Kiliansgraben 10.:

Die so genannte Claes-Villa wurde 1893 von Ernst Bernhard Claes erbaut.

1909 überschreibt die Witwe Dorothea Claes die Villa den vier Claes-Töchtern.

1931 Verkauf an Erich Eckmann

1934 geht die Villa durch Erich Eckmann`s Flucht in "Reichseigentum" über.

1945 - 1991 ist die ehem. DDR der Eigentümer und die Villa wird als Kindergarten genutzt.


                                                                                                                                               Claes-Villa um 1930

Claes-Villa 1951 

1992 wird das, mittlerweile leer stehende Gebäude, an die Eckmann-Töchter zurückgegeben, die es dann weiter verkauften.

Claes-Villa am Kiliansgraben in den 1960er, 1970er und 1980er Jahren

Auch der neue Besitzer verkaufte die Villa, weil der Betrieb eines geplanten Spielcasinos nicht genehmigt wurde.

                                                                2000                                                            2002

Nach weiteren Jahren des Leerstandes erstrahlt die Villa seit Mitte 2015, saniert und restauriert, in altem Glanz.


2015

Die zweite Villa am Kiliansgraben 12/13 gehört nicht zum Areal Martini 74c auf dem die Firma und die Claes-Villa stand. Sie wurde 1871 gebaut aber erst 1911 von Carl Claes, dem Sohn von Ernst Bernhard Claes, erworben.

Das ehem. Verwaltungsgebäude von Claes & Flentje.:

Die einstige Firmenzentrale von Claes & Flentje, das Verwaltungsgebäude in der Karl-Marx-Straße, die früher Friedrichstraße hieß, und dort die Hausnummer 4 trägt ist das zweite Gebäude, auf das ich kurz eingehen möchte.

Verwaltungsgebäude von Claes & Flentje um1900

Das Verwaltungsgebäude wurde 1871 erbaut. Neben der Verwaltung waren dort auch die Packerei und die Tischlerei untergebracht. Im Zuge des Firmenkonkurses 1933 wurde das Grundstück an Hr. Eschenbach und Hr. Liedloff, die beide Mitglieder des Aufsichtsrates der Claes & Co. GmbH waren, übertragen.

Claes & Flentje - Verwaltungsgebäude um1910

1938 wurde das Grundstück mit Gebäude an das "Deutsche Reich" verkauft. Bis 1945 war hier das Heeresversorgungsamt. Das Gebäude blieb auch nach dem 2. Weltkrieg Eigentum des Landes Thüringen (später Staatseigentum -DDR-) und diente von 1949 an als Volks-Polizei-Kreis-Amt (VPKA).

 

                                1995                             ehem. VPKA Mühlhausen                                  2000


Nachdem Mitte der 1990er Jahre die Polizei ihr neues Revier in der Brunnenstraße bezogen hatte, wurde das Gebäude umfangreich saniert und umgebaut.. Es entstand in Trägerschaft des UH-Kreises ein Jugendwohnheim für Auszubildende mit 135 Heimplätzen.


Der Abriss 2012:

Nachdem seit 1994 die ehemaligen Produktionsgebäude leer standen und auch kein Kaufinteressent gefunden wurde begann im Januar 2012 der Abriss.

Von der claesschen Bebauung des einstigen Grundstücks St. Martini 74 c blieben nur das ehem. Verwaltungsgebäude in der Karl-Marx-Straße, die Claes-Villa am Kiliansgraben und ein kleiner Teil eines Quergebäudes der ehem. Firma, in dem zu Letzt u.a. die Lehrwerkstatt und im Keller die Nassgleitschleiferei untergebracht war, übrig.

In diesem Quergebäude, das saniert und umgebaut wurde, befindet sich schon seit einigen Jahren eine Firma, die sich mit der Herstellung von Zahnersatz beschäftigt.

Der Abriss begann  mit der Entkernung der Gebäude und nahm seinen Fortgang im Abriss des Fachwerkgebäudes entlang der Waidstraße. Dort war u.a. der Nüsschenbau zu finden. Mit Nüsschen sind hier nicht die Hartschalenfrüchte zum Essen sondern die sogenannten Fadenführernüsschen an den Nähmaschinen gemeint. Später folgte das Backsteingebäude links neben dem Haupteingang, in dem einst die Dreherei untergebracht war.

Am längsten stand das zweite Quergebäude und das, in den 1970er Jahren errichtete Heizhaus mit dem Schornstein.

Im März 2012 traten dann die Planierraupen auf den Plan und LKW für LKW fuhr den übrig gebliebenen Schuttberg ab.

 

 

 

Der Claes Park:

Was sollte nun mit der Lücke zwischen Kiliansgraben und Waidstraße geschehen? Diskussionen gab es viele und die Vorschläge reichten vom Abenteuerspielplatz bis zu einem innerstädtischen Campingplatz. Im Nachhinein betrachtet ist wohl die jetzige Lösung die beste, obwohl auch am Claespark, wie das Gelände jetzt heißt, noch etliches zu verbessern wäre. Wünschenswert wären z.B. noch ein paar Bäume auf dem Areal und ein paar Büsche. Darüber zu entscheiden ist jedoch Aufgabe der Stadtgärtnerei und der zuständigen städtischen Ämter.

Ein paar Worte zum Claes - Gedenkstein, der nicht unumstritten ist. 


Es handelt sich nicht um den Grabstein von Ernst Bernhard Claes, auch wenn das immer wieder behauptet wird. Dieser stand auf dem alten Friedhof, etwa 50 Meter von der Kapelle entfernt und sah ganz anders aus. Des Weiteren hätten unsere sowj. Freunde mit Sicherheit keinen Grabstein mit einem Eisernem Kreuz stehen gelassen. 

Schön ist, dass die Verdienste von Ernst Bernhard Claes für unsere Stadt mit dem Gedenkstein gewürdigt werden. Meiner Meinung nach ist es aber sehr schade, das Franz Theodor Flentje hier nicht genannt wird. Wenn auch Claes die wohl finanzkräftige und treibende Kraft bei der Gründung der Firma war, so wäre wenigstens eine Erwähnung Flentjes auf  diesem Gedenkstein nur richtig und fair.

Nicht richtig ist die Nummer des von Claes erworbenen Geländes. Es handelt sich um das Areal St. Martini 74c und nicht, wie auf dem Stein vermerkt St. Martini 71c.


Weitere Informationen können im Buch "Die Fabrik Claes & Flentje" von Burghard John, das Grundlage dieser Dokumentation ist, nachgelesen werden. Auch im Buch „Mühlhäuser Industriegeschichte(n) 1“ (Autor: Thomas Peter, Verlag: epubli-Verlag) ist ein Kapitel der ehemaligen Firma von Bernhard Claes und Theodor Flentje gewidmet.