Fa. Giebe (Cottana BB3)

   S. F. Giebe 

VEB Cottana Werk IV (BB 3)  

Die Firmengeschichte:

Die Firmengründer kamen als hugenottische (französische Protestanten) Einwanderer nach Deutschland. Nachdem sie in Lemgo (Westfalen) auch keine Heimat fanden, siedelten sie sich in Mühlhausen an. 1805 gründeten sie in der damaligen Jüdenstraße 10 eine Firma, die sich mit dem Handel und der Veredelung von Garnen beschäftigte.

Jüdenstraße 8 - 10 um 1908 und (heute Jüdenstraße 30) 2012

Als Nachfolger eröffnete später August Pabst in der heutigen Jüdenstraße 30 sein Schuhwarenhaus. Um 1875 siedelte die Firma in die Mühlstraße (Klinge) um. Hier entstand ein, für die damalige Zeit, moderner Großbetrieb zur Herstellung, zum Veredeln und färben von Stoffen.

Briefkopf um 1916

                         

Die Mühlhäuser Chronik berichtet 1895 von einem Brand im Lagerschuppen der Firma, der auch einen Teil des Pferdestalles zerstörte.

Wie viele andere Betriebe der Stadt auch wurde die Firma S. F. Giebe im Jahr 1919 an das örtliche Stromnetz angeschlossen.

 

1923: Zahlungsmittelnot in Deutschland. Neben anderen Großbetrieben der Stadt muss auch die Firma Giebe, mit Genehmigung des Magistrats der Stadt Mühlhausen, Notgeldscheine ausgeben.

Vor und während des 2. Weltkrieges lief die Produktion weitgehend ohne Probleme. Hauptauftraggeber war die Deutsche Wehrmacht. Das war wohl der Hauptgrund für die sofortige  Konfiszierung des Betriebes lt. SMAD-Befehl 124/126 im Jahr 1945. (SMAD = Sowjetische-Militär-Administration in Deutschland)

Am 24. Juli 1946 wird die Firma Giebe enteignet und an das Land Thüringen übergeben. Dafür stellten die SMAD-Befehle 154/181 und 310 die Grundlage dar. Ab 1946 wurden damit begonnen, die alten Anlagen zu modernisieren und zu automatisieren. 1954 wurde die Firma an den VEB Baumwollwerke Mühlhausen angegliedert als Textilveredelung Werk VI.

1961 Neubau Inlettfärberei

Die 1960er und 1970er Jahre waren geprägt von Investitionen und Neubauten. 1961 wurde z.B. das neue Gebäude der Inlettfärberei fertig gestellt und 1962 ein neues Heizkraftwerk in Betrieb genommen. Mit der Kohlekranbahn über den Schwarzen Weg (später Germaniastieg) war das Braunkohleheizkraftwerk allen Mühlhäusern bekannt. Es versorgte den Betrieb sowie die Görmar-Kaserne und die Forstbergschule mit Heizdampf. Mit dem Bau des Neubaugebietes Gartenstraße in den 1980er Jahren wurde auch das an die Fernwärmeleitungen des Betriebes angeschlossen.

1968 erfolgte der Zusammenschluss von acht Baumwollwerken der Region zum VEB Cottana. Das Werk VI (ehem. Giebe) hieß jetzt Betriebsbereich 3 (BB 3).

Kohlekranbahn am Braunkohleheizwerk in den 1980er Jahren und Baustelle Rohwarenlager 1973

Baustelle Rohwarenlager 1973 

Betriebswache um 1985

Ölheizwerk 1983

Betriebskantine und Speisesaal 1985

Zwischen 1970 und 1990 war der VEB Cottana der einzige Hersteller von Inlett in der Deutschen Demokratischen Republik und betreibt hier die produktivste Färbe-, Trocknungs- und Textilveredlungsanlage der Republik. Die Waren bekamen Auszeichnungen auf internationalen Messen und waren vor allem in der damaligen BRD sehr beliebt (weil billig). Des Weiteren wurde in Um- und Neubauten investiert, wie das Rohwarenlager im Jahr 1973.

Speisesaal und Betriebskantine 1985

Auch ältere Maschinen, wie die amerikanischen Sanfor-Anlagen mussten höchste Qualität liefern, was regelmäßig von den Lizenzgebern überprüft wurde. Das Sanfor-Verfahren ist ein Textilveredlungsverfahren für 100% Baumwolle und Baumwollmischungen, bei dem der veredelte Stoff nicht einläuft. Als Warenzeichen ist Sanforized seit den 1930er Jahren in den USA registriert. Weltweit sind und waren die Lizenzbedingungen für Herstellungs-, Test- und Inspektionsprozesse für jeden Lizenznehmer gleich und verbindlich. Der Technische Service der  Sanfor GmbH führte Inspektionen und Überprüfungen an "Sanfor"-Stoffen durch.

1986 - Hof VEB Cottana BB 3 (vor der Wasseraufbereitung) und Einfahrt zu einer Maschinenhalle

Dies garantierte die Aufrechterhaltung eines gleichbleibenden Qualitätsstandards. Das Sanfor Lizenz Programm ist einmalig und ohne Parallelen in der Textil- und Bekleidungsindustrie. An diese internationalen Standards musste sich auch der VEB Cottana als DDR-Textilbetrieb halten.

1986 - Schlosserwerkstatt des VEB Cottana BB 3

Anfang der 1980er Jahre wurde noch einmal in ein zusätzliches Braunkohleheizwerk im Flarchen sowie in ein neues Ölheizwerk investiert. Dieses sollte helfen, die Heizdampfproduktion für das Neubaugebiet Gartenstraße, die Görmar-Kaserne und die Forstbergschule sicherstellen. Das Ölheizwerk und auch einige neue Maschinen wurden durch westdeutsche Firmen errichtet, was die Wichtigkeit der Cottana-Produktion zeigt.


1986 – nächtlicher Blick von Cottana zum Neubaugebiet Gartenstraße

1990 bis 1994: Der Betrieb löste sich aus dem Kombinat Baumwolle der ehem. DDR. Später wurde der VEB Cottana aufgelöst und das Inventar sowie die meist veralteten Maschinen verkauft. Durch den nun offenen Markt waren die Maschinen meist nur noch den Schrottpreis wert. Die bis zur Wende begehrten, weil sehr günstigen, Waren fanden keinen Abnehmer mehr. Der Betrieb wird geschlossen und im September 1994 beginnen der Abriss eines Großteils der mehr als 38 zum Werk gehörenden Gebäude und die Teilsanierung.

Mühlhäuser Allgemeine vom 18. Januar 1995

An dieser Stelle kreuzen sich die Geschichten der Firmen Thämert und Giebe. Der entsprechende Zeitungsbericht der MA vom 27. September 1995 ist nachfolgend zu sehen.