MHL - Brauereigeschichte

  Mühlhäuser Brauereigeschichte

Die Geschichte der Bierherstellung, der städtischen Brauhäuser und der Brauereien in Mühlhausen/Thür.

 

Wenden wir uns einem weiteren, aus heutiger Sicht, unrühmlichen Kapitel Mühlhäuser Industriegeschichte zu, den Mühlhäuser Brauereien. 

Dazu erst einmal das Symbol sowie das Zunftzeichen der Brauer, der Brauerstern und seine Bedeutung.

 

       Bierherstellung um 1430                                     Brauerstern                                        Bier brauen im Mittelalter

Waren es zu Spitzenzeiten bis zu 21 so ist heute keine der Mühlhäuser Brauereien mehr in Betrieb. Dabei mögen mir die Betreiber des "Brauhaus zum Löwen" am Kornmarkt verzeihen, denn dort wird seit Mitte der 1990er Jahre auch gutes Bier gebraut, es ist aber keine alte Mühlhäuser Brauerei, aber heute die Einzige in der Stadt.

 Bierherstellung im Mittelalter

 

  Bierbrauer im 14.-15. JH              Hausbrauerei im 15. JH                                 Biermanufaktur im 17. JH

 

Zu einigen Brauereien gibt es eine Geschichte, alte Firmenschilder, Flaschenetiketten oder Bierdeckel, bei anderen blieb nur der Name und die Zeit ihrer Existenz.

 

Firmen- und Werbeschilder sowie Flaschenetikett und Flaschenverschluss der Brauerei Hugo Paul (Wanfrieder Straße 97) 1873 – 1917

Auch gehe ich diesmal nicht nur auf einen einzelnen Betrieb ein sondern betrachte die Geschichte der Bierbrauereien in Mühlhausen insgesamt. Natürlich werden unsere drei letzten Brauereien der Stadt dabei die größere Rolle spielen.

 

Starten wir also im Jahr 1305, in dem die Mönche des Klosters Volkenroda von der Stadt das Privileg erhielten, Bier in Mühlhausen brauen zu dürfen. Daraus entwickelte sich eine fast 700 jährige Tradition, die im Jahr 1999 ein trauriges Ende fand.

 

1351 erließ der Stadtrat eine Verordnung, nach der jeder Vollbürger Mühlhausens Bier brauen darf, wenn er Grundbesitz in der Stadt hatte und darin seinen ständigen Wohnsitz. 1429 hatten 442 Bürger die so genannte Braugerechtigkeit. Diese wurde dem Besucher durch Strohbündel in einem Mauerloch oberhalb der Eingangstür angezeigt und musste alljährlich neu erworben werden. Außerdem gab es vor der Marienkirche den so genannten "Bierruf", ein Stein auf dem angeschlagen stand, wo es in Mühlhausen Bier zu kaufen gab.

so würde der "Bierruf" in Mühlhausen seit 1992 aussehen

Ab dem 15. JH. wurde Bier nicht mehr im eigenen Haus gebraut sondern in einem der fünf Brauhäuser der Stadt unter Aufsicht eines Brauers. Das bekannteste und einzig heute noch existierende Brauhaus steht in der Wahlstraße 69. Es wurde 1607 erbaut und ist heute in einem so bedauerlichen Zustand, das trotz Denkmalsschutz, ein Abriss zu befürchten ist. 

 Das ehemalige städtisches Brauhaus in der Wahlstraße 69

 

                          um 1905                                                     1922                                                        um 1935

                         um 1960                                                      1987                                                    2011

Weitere Brauhäuser standen am ehem. Salzmarkt, dem heutigen Obermarkt und am Steinweg. Diese wurden beim großen Stadtbrand 1689 zerstört und später neu erbaut. In der ehem. Viehgasse, der heutige Klosterstraße und dem südlichen Teil der Brückenstraße stand ebenfalls ein Brauhaus sowie an der Burgbrücke in der Nähe des späteren Reichsquell - Bürgerliches Brauhaus an der Burg. Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts gab es in Mühlhausen keine gewerblichen Brauereien. Das änderte sich erst mit der Angliederung Mühlhausens an Preußen im Jahr 1802. Ach das bisher gültige Braurecht ging in preußisches Recht über. Einige der später entstandenen Brauereien mit ihren ungefähren Standorten sowie die städtischen Brauhäuser sind auf der nachfolgenden Karte zu sehen.

 

Ab etwa 1800 begann die Entwicklung der Brauereien, wie wir sie heute kennen und aus denen bekannte Brauernamen wie Weymar, Schmidt, Heiser oder Kersten hervorgingen.

Die älteste in Mühlhausen bekannte Brauerei ist die 1816 gegründete Brauerei Kersten. Über 3 Generationen betrieben stellte sie 1905 ihren Betrieb ein. Die zweitälteste Brauerei der Stadt war die 1823 gegründete Brauerei Heiser in der Felchtaer Straße.

                               "Schloss Wippchen"                                                               Schlossbrauerei Heiser & Scholvin

 

Schlossbrauerei Heiser & Scholvin (Schloss Wippchen) am Obermühlenweg                                            um 1900

Ab 1877 erbauten Heiser und Scholvin über den Felsekellern am Obermühlenweg die Schlossbrauerei, die später als Schloss Wippchen bekannt war und betrieben sie bis 1914. 1916 wurde Schloss Wippchen verkauft und zu Wohnzwecken umgebaut.

 

  "Schloss Wippchen" um 1937 (Südseite)

Ab 1933 war der Reichsarbeitsdienst in der ehem. Brauerei stationiert und am Kriegsende war es Gefangenenlager für bis zu 250 englische Kriegsgefangene.

1997 vor dem Abriss

 

Nach dem Krieg entstand hier eine Berufsschule, die in den 1970er Jahren abbrannte. 1997 wurden endgültig die letzten Reste der einstigen Brauerei abgerissen, die Keller teilweise verfüllt und Eigenheime auf dem Areal gebaut.

1997 während des Abrisses

                     1997   2015                                               1997   2015

 

 

1997


Auf die 1823 gegründete "Reichsquellbrauerei - Bürgerliches Brauhaus", die 1849 gegründete "Thuringia-Brauerei August Schmidt" und die 1860 gegründete "Bergbrauerei G. Weymar" komme ich später noch etwas genauer zu sprechen da sie die Betriebsteile des VEB Brauhaus Mühlhausen und die letzten Mühlhäuser Brauereien waren. 

                           

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Brauerei C.F. Starke gegründet. Sie existierte von 1833 bis 1906. Es folgten 1855 bis 1880 die Brauerei Carl Kersten, 1860 bis 1938 die Brauerei Dietmar, 1860 bis 1907 die Brauerei Carl Henneberg und 1860 bis 1910 die Dampfbierbrauerei der Gebr. Schmidt in der Martinistraße. Diese ist auf dem Foto, das um 1890 entstand, zu sehen.

 

                                                       Dampfbrauerei Gebr. Schmidt - Martinistraße um 1890

1865 entstanden die Brauerei Theodor Hey, die bis 1906 existierte - die Brauerei C.G. Voigt, die bereits 1880 wieder geschlossen wurde und die Brauerei Wilhelm Schmidt, die 1906 wieder schloss. 1873 eröffnete Hugo Paul seine Brauerei, die er bis 1917 betrieb. Eine weitere Brauerei der Fam. Weymar war die 1875 bis 1904 existierende Brauerei P.G. Weymar. Von 1880 bis 1890 gab es in Mühlhausen eine weitere Brauerei Scholvin und von 1906 bis 1917 betrieb Gottfried Schmidt die Bürgerliche Brauhaus GmbH.

                                                                                                                           

Kommen wir nun zu den drei Betrieben des späteren VEB Brauhaus Mühlhausen.

  Bergbrauerei  G. Weymar

 

                                   um 1970                 Villa Weymar - Bergbrauerei                              2016 

Zuletzt gegründet wurde von diesen Dreien die Bergbrauerei der Fam. Weymar am Schützenberg in der Johannisstraße. Sie existierte unter diesem Namen aber mit wechselnden Besitzern von 1860 bis 1972. Danach wurde sie dem VEB Brauhaus Mühlhausen angegliedert und produzierte Erfrischungsgetränke. Nach der Wende entstand auf dem ehemaligen Gelände der Bergbrauerei ein Wohnpark.

 

      "Bergbrauerei-Villa" Straßenseite               2016                                 Villa - Rückseite                                          2016

 

       ehem. Einfahrt zur Bergbrauerei               2016                                  umgebautes Brauereigebäude                  2016 

  Thuringia  - Brauerei

August Schmidt

 

Die Zweite ist heutzutage wohl die Berühmteste und Bekannteste der Mühlhäuser Brauereien. 1849 gründete August Schmidt die "Thuringia-Brauerei", die 1952 zum "VEB Brauhaus Mühlhausen" im Getränkekombinat Erfurt und 1990 zur "Thuringia - Brauerei GmbH" wurde.   

 

Thuringia-Brauerei  Aug. Schmidt - Johannisstraße       um 1900


Einen kleinen Einblick in die Thuringia - Brauerei am Ende der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts gewähren die nachfolgenden Fotoaufnahmen. 

 

Der Tag in der Brauerei begann mit dem beladen der Pferdefuhrwerke und LKWs. Das erfolgte noch mit der Hand denn moderne Ladehilfen wie Hubwagen waren noch nicht erfunden.

   

Vor dem Beladen werden die Touren eingeteilt und auftretende Fragen besprochen. Nun kann es losgehen. 

 

LKW um LKW verlässt die Garage, die in der heutigen oberen Weinbergstraße (am Ziegelsberg) waren. Damals war besonders die Arbeit der Bierkutscher, ob mit Pferdefuhrwerk oder den modernen LKWs ein Knochenjob.

 

Allmorgendlich war in der Johannisstraße das gleiche Schauspiel zu beobachten, die Bierkutscher schwärmten aus und begannen ihre tägliche Tour. 

 

 

Auch die Eisherstellung und die Ausgabe gehörte damals zum Angebot der Thuringia-Brauerei. Dabei war auch hier Muskelkraft gefragt und Handarbeit an der Tagesordnung. 

 

   

Zum Feierabend gab es dann das wohlverdiente Thuringia-Bier. Natürlich wurde dazu nicht jedes Mal, wie auf diesen Werbefotos, eine Tafel auf dem Brauereihof aufgebaut und auch der Direktor war nicht immer mit dabei.

Zum Flaschenbiersortiment gehörten in dieser Zeit einige Sorten Caramelbier, Bockbier, Pilsener, Exportbier, Thuringia Gold und das beliebte Thuringia Kristall.

Ab dem 01. Oktober 1934 hatte die Thuringia Brauerei August Schmidt eine Betriebsordnung. Sie schwor die Angestellten der Brauerei auf  "Führer und Vaterland" ein. Diese Betriebsordnung diente nach 1945 maßgeblich als Vorwand der Betriebsenteignung.

 

 

Hier in der Johannisstraße wurde ab 1952 dann das Flaschenbier, unser Mühlhäuser Turmquell, hergestellt. Sie war die am längsten existierende Mühlhäuser Brauerei, wurde 1990 in Thuringia-Brauerei GmbH umbenannt und 1999 endgültig geschlossen. Die Reste der Brauereigebäude bieten seit Jahren ein trauriges Bild.

 

Einfahrt zur ehem. Thuringia-Brauerei in der Johannisstraße 1995

Vor dem Verkauf wurde noch ein neuer Kupferkessel eingebaut über den sich der Investor sicher am meisten gefreut haben wird. Er wurde, ungenutzt, nach der Übernahme demontiert und das Kupfer verkauft.

 

 

Bis heute (2021) stehen die letzten Gebäude der Thuringia-Brauerei immer noch leer und harren dem Abriss.

 

Die größte und älteste der letzten drei Mühlhäuser Brauereien war die Reichs-Quell-Brauerei Bürgerliches Brauhaus An der Burg.

  Reichsquell - Bürgerliches Bauhaus

 

Werbung in den 1920er Jahren

Wie bereits erwähnt stand hier, oder ganz in der Nähe, schon eines der städtischen Brauhäuser, bevor Christian Gottlieb Weymar 1832 die Brauerei gründete. Er ließ auch die Kunstruine als Verkleidung der Keller und Firmengebäude bauen.

 

Kunstruine - An der Burg (Gemälde)            um 1920

In der Folgezeit wechselte auch diese Brauerei einige Male den Namen. So hieß sie anfangs Brauerei Chr. Gottl. Weymar, dann ab 1918 Burgbrauerei und ab 1928 Bürgerliches Brauhaus. Ab dieser Zeit wurde auch die Ausfahrt der Brauereierzeugnisse durch Bierkutscher eingestellt.

 

Dies ist einer der Letzen Bierkutscher des Bürgerlichen Brauhauses im Jahr 1928 vor dem Coburger Hof in der Sondershäuser Straße.

1950 kam der Namenszusatz Reichsquell hinzu. Das dürfte den damaligen Genossen nicht gefallen haben und mit der Enteignung 1953 kam die Angliederung an den VEB Brauhaus Mühlhausen. An der Burg wurden ab den 1970er Jahren die Bierfässer gefüllt und gelagert.

     

Zu sehen sind nachfolgend eine Zeichnung und einige Fotos, welche die Burgbrauerei bzw. die Reichsquellbrauerei und ihre Umgebung vor und während ihres Bestehens und während des Abrisses 1997 zeigen.

 

 

Inneres Burgtor (hier baute C.G.Weymar 1832 seine Brauerei)   Werbung für Mühlhausen und die Reichsquell-Brauerei

 

1898 ehem. jüdischer Friedhof - An der Burg / 1900 Kreuzgraben (li. Mauer der Brauerei) / 1900 Kunstruine - An der Burg

 

 

     1920 - Wohn- und Verwaltungsgebäude der Brauerei                1965 - Busbahnhof und Brauereiauffahrt    An der Burg

 

1970er Burgstraße - im Hintergrund die Brauerei              1970er Busbahnhof im Hintergrund die Brauereiauffahrt

  um 1980 Busbahnhof mit Brauerei / 1990 Breitenstraße mit Brauerei / um 1980 Werkstatt der Brauerei an Kreuzgraben

  Abriss der Reichsquell - Brauerei 1997/98

Wie die Bergbrauerei und die Thuringia-Brauerei auch, wurde die ehemalige Reichsquellbrauerei 1990 zu einem Teil der Thuringia Brauerei GmbH, die 1992 durch die Treuhand verscherbelt und 1995 geschlossen wurde.

 

 

1997 - Abriss der Brauerei An der Burg


Zusammen mit der ehemaligen Bergbrauerei 1992 geschlossen, standen die Gebäude an der Burg bis 1997 leer und wurden schließlich abgerissen. An ihrer Stelle steht heute die Burggalerie.

                          2016

 

Burggalerie - Stadtmauerseite (Breitenstraße)

 

       2016 - am Kreuzgraben (Parkhaus)          Kunstruine & Burggalerie  An der Burg        Eingang Burggalerie   An der Burg

Damit ist eigentlich die Geschichte der Mühlhäuser Brauereien zu Ende erzählt wenn nicht das "Brauhaus zum Löwen" am Kornmarkt wäre.

 

Diese braut seit 1992 in der ehemaligen Apotheke und heutigem Hotel wieder Bier in Mühlhausen, allerdings nur für den Hausbedarf und nicht nach alten Mühlhäuser Bierrezepten. Diese wurden, zusammen mit dem Namen Thuringia - Bier (Turmquell - Bier) nach Meiningen verkauft. Einige Jahre wurde dann noch Mühlhäuser Bier in Meiningen hergestellt aber auch diese Brauerei ist mittlerweile Geschichte.