Möve - Werk

Das Möve-Werk Mühlhausen bestand durch Firmenzusammenschlüsse aus mehreren Betriebsteilen. Auf dieser Seite geht es um das ehem. Hauptwerk in der Brunnenstraße / Langensalzaer Straße.




Das Möve - Werk oder die Thüringische Maschinen- und Fahrradfabrik Walter & Co., wie die Firma bis 1945 hieß, war einst der größte metallverarbeitende Betrieb der Stadt. Bekannt wurde er durch seine Fahr- und Motorräder.

Der Anfang dieser Seite, in der es ja um einen Industriebetrieb geht, ist etwas ungewöhnlich.

Was hat eine ehemalige Gaststätte mit einem ehem. Industriebetrieb zu tun? Nun, die Antwort liefert die Geschichte des "Fulen Loches", dem späteren "Schwarzen Adler". 

Aber eins nach dem anderen.


Auf dieser Luftaufnahme der Martinivorstadt von 1920 kann man das Areal (rot), um das es geht, gut erkennen. Einmal die Fabrik (gelb) und zum anderen die Gebäude des ehem. Hotels (blau). Da es das Hotel oder besser den Gasthof wesentlich eher gab, als die Fabrik, fangen wir mit dessen Geschichte an.


"Fules Loch" oder das Hotel "Zum Schwarzen Adler"

Der Gasthof "Fules Loch", was so viel wie "faules Loch" bedeutet, befand sich seit dem Anfang des 17. Jahrhunderts an der Straße nach Langensalza zwischen Innerem und Äußeren Erfurter Tor. Die damalige Adresse war St. Martini 2. Am 18. April 1635 brannte der Gasthof durch Brandstiftung ab, wurde aber alsbald neu aufgebaut.

Johann Wolfgang von Goethe übernachtete vom 05. zum 06. Juni 1801 im "Fulen Loch". Er befand sich auf der Fahrt nach Bad Pyrmont zu einem Kuraufenthalt. Eine Gedenktafel zum 100. Jahrestag dieses Besuches wurde 1901 am Eingang zum ehem. Gasthof angebracht. Sie wird heute im Museum aufbewahrt.


                                                    Hotelwappen                             Goethe-Gedenktafel am Hotel "Schwarzer Adler" um 1950

Ab etwa 1840 hieß das Haus, das nun ein Hotel war "Zum Schwarzen Adler".

  um 1875  ehem. "Pfuhlloch" am Lindenbühl         1890        Hotel "Zum Schwarzen Adler" an der Einfahrt zum Lindenbühl

Damals wurde das "Pfuhlloch" des Stadtmauergrabens am Lindenbühl zugeschüttet und der Wasserlauf geändert. Die unangenehmen Gerüche, vor allem in den warmen Monaten, gehörten nun der Vergangenheit an. Seit Anfang des 19. Jahrhunderts wurde das Hotel oft für Konzertaufführungen genutzt, da der "Schwarze Adler" neben der Gaststube auch über einen großen Saal verfügte.

Augustastraße mit Martinikirche und Hotel & Hotel "Zum Schwarzen Adler“ um 1900

Wie bei den meisten Gaststätten und Hotels der Stadt wechselten auch hier die Besitzer und Pächter sehr häufig. Während des 1. Weltkrieges, im Jahr 1917, wurde der "Schwarze Adler" geschlossen. Es wurde ein Lazarett eingerichtet. So erging es vielen Hotels und Gaststätten in ganz Deutschland. Auch kam es 1917 zu einer Milchknappheit infolge dessen der Milchpreis auf etwa 140 Millionen Mark je Liter stieg. Um diesen Mangel sowie die hohen Preise zu umgehen und um die Verwundeten mit frischer Milch zu versorgen, wurden 25 Ziegen angeschafft, die im Stall des Hotels standen.

 

um 1920 Hotel zum Schwarzer Adler & Erfurter Tor

Seit Januar 1918 war die Thüringische Maschinen- und Fahrradfabrik Walter & Co. GmbH der Eigentümer des Hotels.

Das ist der erste Berührungspunkt von Hotel und Fabrik.

Nach dem 1. Weltkrieg wurde anfangs nur eine Stehbierhalle betrieben. 1920 öffnet auch das Hotel mit einem Restaurant und neuem Pächter wieder, der Saal bleibt geschlossen. 1934 dehnte der Betreiber den Schankbereich auf den Rasenstreifen am Lindenbühl aus. Die 1920 geschlossene Stehbierhalle öffnete 1935 wieder, der Antrag auf Nutzung des Saales wurde aber wiederhöhlt abgelehnt.



Hotel "Schwarzer Adler" um 1940 & Speisesaal um 1935

1941 wurde das Hotel kurzzeitig geschlossen. Ab 1942 dienten die Räumlichkeiten dem Landesschützenverein. Im "Schwarzen Adler" gab es zu jener Zeit einen begehbaren Tresor und das Jagdzimmer "Der Deutschen Jägerschaft".

  

1945 wurde das Hotel beschlagnahmt und danach von dem bekannten Mühlhäuser Hotelier Paul Schlenker geführt. 1947 übernahm Erich Werneburg die Hotelleitung bis zur Schließung am 30. September 1948.

Von nun an, und das ist der zweite Berührungspunkt, ist das Schicksal des einstigenHotels untrennbar mit dem Möve - Werk verbunden.

Von 1950 an war der "Schwarze Adler" das Verwaltungsgebäude und die Kantine des Möve - Werkes. 1988/89 wurden die Gebäude im Zuge des Straßenneubaus der Langensalzaer Straße abgerissen.

Nun wissen wir, was der Schwarze Adler mit Möve - Fahrrädern zu tun hatte.

Weiter geht es mit Geschichte und Geschichtszahlen, diesmal von der " Möve", wie wir Mühlhäuser das Möve - Werk kurz genannt haben und das diesen Nachkriegsnamen von den hier gebauten gleichnamigen Fahrrädern und Motorrädern bekommen hat.

Thüringische Maschinen- und Fahrradfabrik Walter & Co.    

Firmengeschichte

21.04.1894 - Gründung der Firma Walter & Co. durch Gustav Walter in der Brunnenstraße 75 - 77. Mit einem Gründungskapital von 203.000 Reichsmark aus Privatvermögen startet die Produktion vorerst mit Strick-, Spul- und Rauhmaschinen.

 

- Heinrich Schulze und Heinrich Verges waren mit der Produktionsleitung beauftragt

1895/96 - Vergrößerung des Maschinenparks und Aufbau der Fahrradproduktion

1897 - Goldmedaille für das Niederrad "Möve" auf der Fahrrad- und Automobilausstellung in Berlin

 

1903 - Übernahme der Firma durch Otto Walter

- Umwandlung der Firma von einer AG in die Thüringische Maschinen- und Fahrradfabrik Walter & Co. GmbH

1904 - Modernisierung der Firma

- Möve-Motorräder mit 2 und 3 PS Leistung kommen auf den Markt

 

- Erweiterung des Strickmaschinenexportes der Marken "Gloriosa" und "Thuringia"

- Erweiterung des Fahrradexportes der Marken "Möve" und "Orion"

1909 - Zukauf der Grundstücke Brunnenstraße 72 - 74 und Lindenbühl 37, 40 und 41 Anbau und Firmenerweiterung

1913 - Goldmedaille für Möve - Fahrräder in Gent

- Ankauf der Altonia - Strickmaschinenfabrik



1914 – 1918  1. Weltkrieg

     


- Produktion von Seitengewehren, Zündern, leichten Mienenwerfern, 

Zielgeräten für U-Boote und Armeefahrrädern

1925/26 - Ulrich und Arnold Wagner treten als Erben in die Firma des Großvaters ein

1927 – 1929 - Umstellung der Produktion auf leichte und schwere Motorräder,  Strickmaschinen und Zubehör für den Wagonbau

 

1930 - In der Firma arbeiten ca. 600 Beschäftigte

1936 - Umwandlung der Firma in eine OHG

- Ausführung von Rüstungsaufträgen für das OHK und das Reichsluftfahrtministerium

- Gründung des Tochterunternehmens "Wagner & Co. GmbH" in Beyrode welches vom Reichsluftfahrtministerium finanziert und ausgestattet wurde.

1939 - Schenkung der Grundstücke Lindenbühl 37 sowie Brunnenstraße 82 und 83 zur Erweiterung der Produktion

 

1939 - 1945  2. Weltkrieg

               

- Produktion von Truppenfahrrädern, militärischem Zubehör, Granaten, Zündern, Seitengewehren und Granatwerferzubehör

- Die Produktion von Strickmaschinen und Fahrrädern für zivile Zwecke wurde während des Krieges gedrosselt.

1946 - Enteignung und Weiterführung unter der Firmenbezeichnung "Metallwarenfabrik Walter & Co."

 

1948 - Die "Metallwarenfabrik Walter & Co." wird der "VEB Möve-Werk Mühlhausen i. Thür."

- produziert werden Fahrräder, Strickmaschinen und Waggonschlösser

 

1948  Fahrradproduktion im Möve-Werk Mühlhausen

1961 - Einstellung der Fahrradproduktion und später auch der Strickmaschinenproduktion

- Aufbau der Fahrzeugteileproduktion

1966 - Entwicklung eines zentralgefederten und stoßgedämpften Schwingsitzes

 

1967 - Aufnahme der Serienproduktion von Schwingsitzen für Nutzfahrzeuge

- Produktion von Fahrrad- und Motorradsätteln

                               

bis 1989 - Das Möve-Werk entwickelt sich zu einem wichtigen Serienlieferant für Fahrzeugteile in der DDR, speziell von Fahrer- und Beifahrersitzen für Nutzfahrzeuge wie W50 oder Multicar.

1988/89 - Abriss des Verwaltungsgebäude sowie einiger, vom Möve-Werk genutzter Häuser entlang der Langensalzaer Straße wegen des Straßenneubaus.

 

                 Mitte der 1980er Jahre                 1988/89 abgerissene Häuser an der Langensalzaer Straße und Brunnenstraße

1990 - Der Treuhandbetrieb "Möve GmbH" wird gegründet und in den folgenden Jahren über Ausgründungen (Firmenableger) und Reprivatisierungen in mehrere Firmen zerlegt.

1994 - Die "Möve Sportscraft Fahrzeugsitze GmbH" wird gegründet mit neuem Firmensitz im Gewerbegebiet "An der Trift"

1995 - Abriss der alten Firmengebäude in der Brunnenstraße

1998 - Die "Möve - Fahrzeugsitze GmbH" wird gegründet. 

- Die Produktion wird spezialisiert auf Führer- und Beimannsitze für Schienenfahrzeuge.

Abriss 1995

Kommen wir zum Abriss der ehem. Fabrikgebäude. Durch die Vernachlässigung der Gebäude in den Jahren 1945 - 1989, dem damaligen  Mangel an Material und der schlechten verkehrstechnischen Anbindung war der Abriss vertretbar und richtig, zumal die Nachfolgefirma in unserer Stadt blieb und nicht, wie viele andere, abgewandert ist oder einfach nur geschlossen wurde.

1995 vor dem Abriss                                                                                                2015

 

1995 vor dem Abriss

Neben den Aufnahmen vom Abriss 1995 werden ab und zu, rechts neben den Bildern von 1995, Aufnahmen von 2015, also 20 Jahre später, von etwa der gleichen Position aus, gezeigt.

 

                                                1995                                                                                       2015

 

 1995                                                                                       2015

 

 1995                                                                                       2015

Beginnend mit der Entkernung der Gebäude wurde auch hier Stück für Stück abgetragen und der Schutt abgefahren. Nicht immer ging das Staub- und Belastungsfrei von statten. Das betraf vor allem die Brunnenstraße und den Kreuzungsbereich zur Langensalzaer Straße und Thomas Müntzer Straße.

 

 1995                                                                                       2015

 

1995                                                                                       2015

 

1995                                                                                       2015

1995

 

   

 

1995                                                                                       2015

1995

 

 

Das Areal zwischen Brunnenstraße, Langensalzaer Straße und Lindenbühl war im Herbst 1995 bereit für eine Neubebauung. Diese ließ aber noch bis 2004 auf sich warten. Seither ist auf dem ehemaligen Möve-Gelände die neue Polizeiinspektion von Mühlhausen  zu finden. Später entstand, etwa dort wo einst der "Schwarze Adler" stand ein modernes Seniorenheim.

 

                                                2004                                                                                           2015

Der Abriss des Möve - Werkes zeigt wieder einmal, dass es nicht immer etwas Negatives bedeutet, wenn Gebäude aus dem Stadtbild verschwinden. Die Polizei hat in Mühlhausen ein neues, modernes "zu Hause" gefunden und etliche Senioren auch. 

Die "Möve" ist Mühlhausen treu geblieben, ihre logistische Anbindung ist optimal und Arbeitsplätze blieben weitgehend erhalten.