VEB Kinderfahrzeuge (MW)

  VEB Kinderfahrzeuge Mühlhausen

                                   (ehem. Lederfabrik C.C. Becke Sohn)

       (zeitweise ZEKIWA

Die Firmengeschichten

Die Saffiangerberei der Familie Becke bestand bereits seit 1760 (nach einem Briefkopfvermerk), sicher jedoch seit 1837 in der damaligen Muehlgasse (li. Bauzeichnung unten). Diese verlief bis zum Abriss der Häuser in der Brückenstraße (Entenbühl) parallel zur Kuttelgasse an der Schwemmnote. Mitte des 19. Jahrhunderts gab es noch 53 Gerbereien in Mühlhausen, heute nur noch eine (Gerberei J. Stölker).

 

1880 ließ Adolph Becke die Villa in der Brückenstraße 9 bauen. Diese trug damals noch die Hausnummer 903.

 

                              Beck`sche Villa um 1940                                        Beck´sche Villa 2015 (Foto: TA)

 

Die Gerberei war ein einfacher Manufakturbetrieb mit Zufahrt über die Kuttelgasse und Auf dem Damme. Diese Zufahrt wurde durch die Nachfolgefirma bis zur Schließung genutzt.

 

Erst mit einsetzen der industriellen Revolution am Ende des 19. Jahrhunderts wurden vermehrt Maschinen eingesetzt. So stellte der Fabrikant Becke 1886 den Antrag, eine Dampfmaschine einbauen zu dürfen. Diese und der dazu notwendige Neubau wurden am 25. Mai 1886 durch die Stadt genehmigt (re. Bauzeichnung - oben). Danach entwickelte sich die Gerberei, die jetzt  C.C.Becke Sohn hieß, sehr schnell zu einem der führenden Lederfabriken in Mühlhausen.

 

   Häuser Brückenstraße 5 - 8 vor dem Abriss                     um 1900           Brückenstraße/Ecke Entenbühl (Foto: O.Schulz)

    Kuttelgasse mit Malzmühle um 1900 (Foto: O.Schulz)                    Abbruch der Malzmühle 1914 (Smlg. Williger)

1913/14 wurden dann die Häuser im Bereich des heutigen Entenbühls abgerissen, so auch die frühere Malzmühle in der Kuttelgasse. Einige Jahre später wurde der Bau eines neue Fabrikgebäudes beantragt, das 1922 fertig war. Wie bei vielen anderen Industriebauten, z.B. Claes & Flentje und die Molkerei bei Görmar, war die ausführende Baufirma das renommierte Mühlhäuser Unternehmen von K. Louis Müller. Anfang der 1940er Jahre erfolgte ein weiterer Fabrikanbau.

 

Villa Becke und Lederwarenfabrik am Entenbühl in den 1940er Jahren

 

Zu dieser Zeit zählte die Familie Becke zu den wohlhabendsten Familien der Stadt. Sie fuhren teure, amerikanische Autos der Marke Packard. Die Packard Limousine für den Chef und den Packard Sport für den Junior.

 

Den 1. und 2. Weltkrieg überstand die Firma relativ unbeschadet. Im Gegensatz zu vielen anderen Fabriken und Firmen wurde die Lederfabrik C.C. Becke Sohn nicht enteignet. Bis 1953 folgte ein Bauantrag, die alle genehmigt wurden, dem Nächsten. 1953 wurde z.B., als letztes Bauvorhaben, die Kohlelagerabdeckung des Heizhauses genehmigt und ausgeführt.

 

 

Danach verließ Becke die damalige DDR in Richtung Westen, die Lederproduktion wurde ausgelagert und die Firma der VEB Matallwaren- und Kinderwagenfabrik Mühlhausen (MW) angegliedert.  

   

Beck`sche Villa - Brückenstraße 9

In die nun leer stehende Villa zog für die nächsten 40 Jahre der Kulturbund der DDR ein. Nach der Wende kam noch die Kaufmännische Krankenkasse und die SPD als Mieter hinzu. 1992 kündigte die Stadt alle Mietverträge und das Haus stand bis Anfang 2015 leer.

 

              um 1940                                      2012                                2014/15 ( Foto: TA)                       2016 (Foto: TA)

 

TLZ vom 11.02.2006

Seit 2015 erstrahlt die alte Beck`sche Villa in der Brückenstraße 9, die von einem Mühlhäuser Immobilienbüro bei einer Zwangsversteigerung erworben und danach saniert wurde, in neuem, altem Glanz.

Durch den Zusammenschluss der Metallwaren- und Kinderwagenfabrik (ehem. Martin Lamberz) und dem VEB Elektrobau sowie 1959 dem VEB Feinlederwerk entstand das Metallwarenkombinat mit 3 Produktionsstätten in Mühlhausen.

 

Es wurden Kinderwagen, Roller, Dreiräder und Tretautos, wie der legendäre Liliput, hergestellt. Der Liliput wurde bereits Anfang der 1950er Jahre in der Metallwaren- und Kinderwagenfabrik von Martin Lamberz entwickelt und in geringen Stückzahlen gebaut.

 

Im Jahr 1974 wurde das Metallwarenkombinat Mühlhausen an den VEB Kombinat Kinderfahrzeuge „ZEKIWA“ Zeitz angegliedert.

 

Nachfolgend sind einige bekannte und begehrte Kinderfahrzeuge aus Mühlhausen wie das Tretauto „Liliput“, die Dreiräder KDR 2776 und 2576, die Roller W 20 l und F 22d sowie die Tretautos MC 104 und 105 zu sehen. Die Originaltexte (in Grün) sowie die Bilder sind aus Messeprospeckten von ZEKIWA aus den 1970er Jahren.

 

 

   LILIPUT

 

 

 

Der nächste Namenswechsel stand 1980 an. Bis 1984 hieß man nun VEB Kinderfahrzeuge Mühlhausen von 1985 - 1990 dann VEB Kinderfahrzeuge Mühlhausen, Betrieb im VEB Kombinat Spielwaren Sonneberg. Das Markensymbol MW für in Mühlhausen hergestellte Kinderfahrzeuge blieb jedoch erhalten. MW stand für Spitzenqualität Made in Mühlhausen. Trotz der Loslösung von Kombinat ZEKIWA am Ende der 1970er Jahre blieb der Name ZEKIWA in Mühlhausen präsent.

 

Messeplakate vom VEB Kinderfahrzeuge Mühlhausen aus den Jahren 1981, 1984, 1986 und 1987

Nach der Wende wurde die Firma noch kurzzeitig als GmbH unter Treuhandleitung geführt. Der erstklassige Ruf der Mühlhäuser Kinderfahrzeuge im westlichen Ausland nutzte nichts und wie fast alle Firmen in Mühlhausen wurde auch dieser Betrieb "treuhändlich" geschlossen.

 

TA - 06.06.1995

Die Gebäude verfielen Zusehens und 2003 erfolgte der Abriss. Bereits 1995 wurde über den Bau eines Kaufhauses auf dem Grundstück diskutiert (TA-Artikel vom 06.06.1995). Allein die Beseitigung der Altlasten hätte dem Investor über 1 Millionen DM gekostet. Daran scheiterte letztendlich das Bauvorhaben. Die Stadt musste selbst für die Altlastentsorgung aufkommen. So gesehen ist die jetzige Parkplatzlösung wahrscheinlich die Günstigste und einzig Richtige.

der Abriss

Soweit die Geschichte, kommen wir nun zum Abriss der Fabrikgebäude und dem Beräumen der Freiflächen. Dies vollzog sich in drei Schritten im Juni und August 2003.

  Schritt 1 - Demontage der Leuchtreklame         

Eigentlich war diese Leuchtreklame jedem älteren Mühlhäuser bekannt, obwohl die wenigsten sie je eingeschaltet gesehen haben. Auf Grund von Energiesparmaßnahmen wurde sie, wie mir bekannt, nur bis Anfang der 1970er Jahre betrieben. Danach verwitterte sie ungenutzt immer mehr am Giebel.

 

 

Installiert wurde die Reklame durch das WBK und am 15. März 1968 in Betrieb genommen. Der ehemalige Schaltschrank, der dafür notwendig war, wird bei den Innenaufnahmen noch zu sehen sein.

 

 

 

 

 

Stück für Stück wurde abgebaut und abtransportiert. Es wurde darauf geachtet, dass nichts unnötig zerstört wurde. Die Leuchtreklame vom VEB Kinderfahrzeuge ist heute beim Containerdienst Zimmermann sicher eingelagert so das ein Stück Industriegeschichte Mühlhausens erhalten blieb.

 

 

 

  Schritt 2 - Sichtung der Gebäude und des Geländes

Innenansichten

Dieser Schritt erfolgte während der Demontage der Leuchtreklame ebenfalls im Juni 2003. Dabei entstanden die nun folgenden Aufnahmen aus dem Inneren der ehem. Fabrikgebäude. Hier sieht man auch den vorhin erwähnten Schaltschrank für die Leuchtreklame.

 

 

Schaltschrank Leuchtreklame

 

im Treppenhaus

 

  im Keller

Den jahrelangen Leerstand, Vandalismus und die Verwitterung sieht man auf Schritt und Tritt, ob im Keller, auf dem Dachboden, im Treppenhaus, den ehem. Büros oder in den Produktionsräumen.

 

die ehem. Büros

 

 

 

 in den ehem. Produktionsräumen


Außenansichten

Im Außengelände sieht es nicht viel besser aus. Dabei ist es nicht ganz ungefährlich, sich auf dem Gelände zu bewegen. Überall liegen Schutt, Schrott, Abfall und Bautrümmer.

 

 

Dieser Platz wurde in den Jahren des Leerstandes oft als illegale Schuttdeponie benutzt. Außerdem hatte sich die Natur einen großen Teil der Fläche zurückerobert.

 

Gras, Büsche und Bäume bedecken das gesamte Areal bis hin zur Zöllnersgasse. Von oben betrachtet sieht es aus wie ein Stück Wald mitten in der Stadt.

 

 

Schritt 3 - Abriss und Beräumung

Zwei Monate später, im August 2003 begannen die Abriss- und Beräumungsarbeiten. Staubschutztücher hängen vor den Gerüsten am Entenbühl und die Schwemmnotte wurde mit schweren Betonplatten abgedeckt.

 

 

 

 

Nach erfolgter Rodung auf den Freiflächen erfolgten die Abrisse der Gebäude entlang der Zöllnersgasse, auf dem Innenhof und schließlich am Entenbühl. Zur Brückenstraße wurde ebenfalls eine Zufahrt eingerichtet. Sie ist heute als Ein- und Ausfahrt für den Parkplatz.

 

 

 

Dem Abriss der Außenmauern ging die Entkernung der Gebäude voran. Abschließend wurden die durch ehemalige Gebäude entstandenen Löcher verfüllt und der frei gewordene Platz planiert.

 

 

 

 

Später erfolgte die Aufschüttung und Einfriedung für den zukünftigen Parkplatz.

 

Dieser zeigt sich im Sommer 2015 gut genutzt. Auch die Hinteransichten der umstehenden Häuser in der Brückenstraße, Zöllnersgasse und Unterm Nussbaum nehmen langsam ein ansehnliches Aussehen an. Schließlich zählt die Gegend entlang der Schwemmnotte zu den romantischsten und schönsten unserer Mittelalterlichen Reichsstadt.


 

                                 2012                                                     2015 (TA)                                               2016 (TA)

Die Beck`sche Villa an der Ecke zur Brückenstraße ist inzwischen ebenfalls fertig saniert und so schön wie zu Beckes Zeiten. Hier ist nun (Stand 2020) das 4*-Hotel Raabe zu finden.